Fehler und Unzulänglichkeiten machen Karriere
Wir, die wir einen Teil unsres Lebens online dokumentieren, liefern hie und da gerne mal ein schnell geschossenes Foto aus der Kamera des Smartphones dazu.
Weil ein Bild oft mehr sagt als 140 Zeichen.
In letzter Zeit haben sich diese Bilder bei vielen aber verändert. Aus den irgendwie unscharfen, matschigen, oft viel zu bunten Schnappschüssen werden Fotos, die scheinbar aus einer andren Zeit stammen. Da finden sich Sprocket Holes (wie im Beispiel), verschiedenste s/w Konvertierungen, mächtige Vignetten, ausgefranste Bildränder, offensichtliche Emulsionsfehler und manches mehr. Kurzum: Fotos, die schon grundsätzlich eher von schlechter technischer Qualität werden mit den Fehlern und Unzulänglichkeiten der frühen analogen Fotografie “aufgehübscht” und – sie werden tatsächlich hübscher.
Auch ich war eine Weile lang diesem seltsamen Effekt erlegen, ohne wirklich erklären zu können, woran es liegt. Es kommen wohl mehrere Effekte zusammen.
Schwarz und Weiß
Eine Schwarzweiß Umwandlung ist bei manchen Motiven ein a-ha Erlebnis. Die Farben, die unser Sehen normalerweise bestimmen treten in den Hintergrund und die Struktur wird sichtbar. Im Foto oben rechts springt die helle Wiesenfläche deutlich stärker hevor als im Farbfoto auf der linken Seite. Das lässt gleichzeitig die Bäume dunkler, drohender erscheinen, was dem Foto eine grundsätzlich andre Stimmung verleiht, obwohl die beiden Fotos vom gleichen Ort und zur gleichen Zeit aufgenommen wurden.
Jetzt wird’s richtig schlecht… oder doch nicht?
Das dritte Bild illustriert den Effekt von Instagram, Retro Camera und Co. vielleicht am deutlichsten. Das Foto selbst ist nichtssagend. Es ist während der Fahrt am langen Arm gemacht. Den Ausschnitt hat die Auslöseverzögerung der Kamera bestimmt, scharf ist es sowieso von vorne bis hinten und, sollte man ein Thema, eine Bildunterschrift dafür finden, dann würde diese wohl recht banal ausfallen müssen. “Bäume auf Stoppelfeld” oder ähnlich. Das Bild wird meinem normalen Anspruch nicht gerecht, Dinge zu zeigen, an denen wir ansonsten vorbeilaufen bzw. die Dinge aus ungewöhnlichem Blickwinkel zu zeigen. Es hat auch keine ungewöhnliche Struktur, keine besondere grafische Aufteilung. Es ist, mit einem Wort, langweilig.
Aber: neben dem eigentlichen Foto ist da noch Retro Camera. Für dieses Bild heißt das: die Farben sind deutlich wärmer als sie in der Natür waren. Das kommt den Brauntönen der abgeernteten Felder entgegen. Die mächtig starle Vignette konzentriert den Blick auf die zentrale Baumgruppe und rückt die angeschnittene Gruppe am linken Bildrand etwas in den Hintergrund. Dazu die scheinbar von Hand auf das Trägerpapier aufgebrachte Emulsion et voilá, heraus kommt ein Bild, das irgendwie doch ansprechend ist.
Minus mal Minus gibt Plus
Vielleicht ist das der Grund, warum die Bildmanipulationen dieser Programme so beliebt sind: selbst die grottenschlechten Optiken und Sensoren der Knipskisten in unsren Telefonen können kaum verschleiern, daß so manches Foto vielleicht dokumentatorischen aber beileibe keinen künstlerischen Wert hat. Sie sind einfach zu gut geworden um die Banalität des Alltags noch sanft zu verbergen. Hier helfen die beschriebenen Effekte. Sie verstecken das Foto unter einer Ebene gütiger Unzulänglichkeit und geben dem Foto damit die Anmutung eines Bildes aus einer Zeit, als der Fotograf noch weit mehr als heute mit den Grenzen der Technik zu kämpfen hatte, als man diese Grenzen noch als mehr oder weniger gegeben zu akzeptieren hatte. Der Effekt ist vielleicht mit den Krokodilstränen vergleichbar, die so mancher Audiophile dem Vinyl hinterhergeweint hat: der warme Klang, die Haptik, die physikalische Wahrheit, daß Analog grundsätzlich besser ist als ein in Einzelquanten zerlegtes, numerisch kodiertes, sortiertes, komprimiertes und gespeichertes Signal.
Den Trend gibt es auch bei sehr ernstzunehmenden Fotografen, bei Fotografen, denen ich zu jeder Zeit einen höheren künstlerischen Anspruch zubilligen würde als mir selbst. Der Unterschied zu Instagram & Co ist hier: diese Menschen setzen die Mittel und Unzulänglichkeiten des analogen Prozesses gezielt ein, sie steuern den Effekt, nutzen ihn als künstlerisches Ausdrucksmittel. Das Mobiltelefon hingegen greift in eine Konserve vordefinierter Effekte und wendet diese mehr oder weniger stumpf auf die digitale Rohware an. Der Effekt ist hier Ausdruck des Könnens des Programmierers, nicht des Fotografen.
Dessen Leistung erscheint hier wie durch einen Schleier in gütigem Schummerlicht.



Ein nichtssagendes Foto für den einen, mag eine wertvolle Erinnerung für den anderen sein. Ob der eine sie ansieht, bleibt ihm überlassen.
Vielleicht ist gerade der Drang nach Bedeutsamkeit des Motives, nach Perfektion, das, was weniger Kunst ist als das Festhalten eines Momentes. Eines Gefühls, das jemanden berührt. Nicht in seiner Perfektion, in seiner Alltäglichkeit. Manches nicht Perfekte verhilft mehr Menschen zu einem Lächeln als der Versuch von Professionalität.
Beides hat seine Qualität. Das lange Suchen nach einem perfekten Motiv, die Umsetzung mit professionellem Equipment und die entspannte Nachbearbeitung. Aber auch die Quickie Fotografie in ihrer Schnelligkeit, Einfachheit und es bleibt, das Gefühl eines Fotos das – zumindest dem Ersteller – gefällt.
Mehr zu erwarten? Kann man, muss man aber nicht.
Zu werten? Kann man, muss man aber nicht.
es war auch nicht meine Intention, die Qualität von Fotos zu werten. Ein gutes Foto ist, was der, für den das Foto gemacht wurde für gut hält. Mir ging es um die Frage, warum diese Effekte so beliebt sind.
Diese Art von retro-aufgehübschten Bildern gefällt zur Zeit sicherlich vielen. Man muss sich aber auch fragen, warum eigentlich. Was dahinter steckt, mag die Suche nach wohlig-alten Sehgewohnheiten sein, in erster Linie dürfte es aber die massive geschmackliche Konditionierung durch die Werbewirtschaft in den vergangen Jahren im Vordergrund stehen.
Laurie Voss hat den Hintergrund des Hypes der konzertierten Verunstaltung von Handyfotos in einem Artikel vom 3. November sehr treffend zusammengefasst: »So if your photo looks vintage, thanks to the collective marketing efforts of five or six different industries all trying to sell you old shit at 10x its production cost, you feel it looks like a better photo.«
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mich diesem Artikel anschließe. Teilweise ja, teilweise nicht. Ich sehe das ganze ein klein wenig versöhnlicher: Unmengen der Fotos, die wir heute machen sind völlig nichtssagend, da ist es dann egal, ob Instagram oder sonstwer die Finger drin hatte. Mir ging es in erster Linie um den ästhetischen Aspekt. Es ist kaum zu leugnen: die mit solchen Tools veränderten Fotos sind in vielen Fällen interessanter als das banale Ausgangsmaterial. Sie bleiben aber doch gleichermaßen banal, da die Veränderung nicht Teil des künstlerischen Prozesses ist, sondern Massenproduktion.