Genaugenommen ist die Causa Dr Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg es nicht wert, nur noch eine einzige Textzeile darauf zu verschwenden. Die Entscheidung ist klar: politisch ist er für die Kanzlerin und den Rest der Regierung so wichtig, daß man unter allen Umständen an ihm festhalten will. Die Sünden seiner Vergangenheit treten da hinter die Realitäten des politischen Berlin zurück.
Nein, ich möchte nicht weiter ergründen, was alles an Absonderlichkeiten im Lebenslauf des Freiherren zu finden ist, aber: wer genauer hinsieht, der wird feststellen, daß da so manches fragwürdig erscheint.
Interessanter finde ich den öffentlichen Umgang mit der Sache, die rhetorische Aufbereitung durch die Kanzlerin und ihr Umfeld.
Sie habe ihn nicht als wissenschaftliche Hilfskraft eingestellt, sagt Frau Dr. Merkel, sondern als Verteidigungsminister. Die Absurdität dieser Aussage ist ihr mit Sicherheit bewusst, aber es soll hiermit ja ein Zweck erfüllt werden: Es soll der Fehler sozusagen isoliert werden. Wenn es gelingt, die Sachlage dergestalt darzustellen, daß Herrn Guttenberg ein wissenschaftlicher Fehler, gerne wird auch noch das Adjektiv “handwerklich” hinzugenommen, “unterlaufen” ist, der keine Berührungspunkte mit seiner politischen Arbeit hat, dann wird die Öffentlichkeit, so das Kalkül, diese Trennung als vernünftige Sachbetrachtung akzeptieren und dem Minister die Treue halten. Der Doktorand Guttenberg wird quasi vom Minister Guttenberg abgespalten. Es scheint fast wie eine weitaus feiner gesponnene Version des Adenauerschen “Was kümmert mich mein dummes Geschwätz von gestern?” nur mit dem wesentlichen Unterschied, daß Adenauer die Trennung in unterschiedliche Persönlichkeiten nicht nötig hatte.
Nun steht Guttenberg quasi an zwei Stellen im Rampenlicht: einmal als der unglückliche Doktorand, dem in seiner siebenjährigen, mühevollen Kleinarbeit mit ausführlichem Quellenstudium nicht aufgefallen ist, daß ihm auf fast 73% der Seiten seiner Dissertation zum Teil lange Passagen wortwörtlichen Textes aus den besagten Quellen eingeflossen sind, zum anderen in seiner Funktion als Verteidigungsminister, der vor großen, wichtigen politischen Aufgaben steht und der, wie kein anderer, der Sympathieträger der Regierung Merkel ist.
Zwischen den beiden, so wird uns suggeriert, gibt es keine Verbindung, vor allem gibt es kein Indiz, daß das wissenschaftliche Versagen Auswirkungen auf die Handlungsfähigkeit, die Vertrauenswürdigkeit und die Eignung als Minister schmälert.
Ein Hoch auf die Kommunikationsprofis, denen diese Lösung eingefallen ist. Der Mensch Guttenberg, der natürlich hinter der wissenschaftlichen wie der ministerielle Arbeit steckt ist somit aus dem Focus gerückt, die Menschen sehen den Guttenberg, der uns in den Medien präsentiert wird, elegant, eloquent, entscheidungsfreudig, klar, sicher. Ihn mögen sie, an ihm wollen sie nicht rütteln.
Daß zwischen ihm und dem Doktoranden Guttenberg, dessen perfektes Textgedächtnis ihn so gravierende “handwerkliche Fehler” hat machen lassen, der seinen Lebenslauf scheinbar ein wenig aufgehübscht hat, der schon mit 25 im Vorstand der Röhn Kliniken AG saß, eben jenes Unternehmens, das, während seiner Zeit als Vorstand, mit substantiellen Mitteln half, einen neuen Lehrstuhl an der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Bayreuth zu finanzieren, gerade der Fakultät, an der er just im gleichen Jahr seine Promotion begannn, daß zwischen diesen beiden Facetten eben der Mensch Guttenberg steht, das wird ausgeblendet.
Der Minister kann sein altes Leben abstreifen wie einen aus der Mode gekommenen Mantel. Mir drängt sich das Zitat von Eric Schmidt ein, der verlangte, daß Jugendliche nach dem Eintritt in das Erwachsenenleben den Namen ändern dürfen, um sich somit von ihren im Netz dokumentierten Jugendsünden zu trennen.
Interessant ist, daß offenbar eine Mehrheit der Deutschen all das akzeptieren. Sie sehen weg. Sie wollen nicht nachfragen, sie wollen nicht wissen, ob vielleicht die Gründe für die ungewöhnlichen Fakten und Vorkommnisse in der Vita des Herrn Guttenberg eine Begründung in seiner Person oder seinem Umfeld haben. Sie wollen, daß er das alte, schmutzige Fell abwirft, sich die Haare gelt und im sauberen Anzug auftritt um uns ein makelloses Vorbild zu sein. Steht es um unsre Politik so schlecht? Erwarten wir keine Ehrhaftigkeit mehr? Keine moralische Grundhaltung?
Unbewusst hat es wohl Bernhard Vogel besser auf den Punkt gebracht, als es irgendein Kritiker jemals gekonnnt hätte. In einem Interview mit dem Spiegel antwortete er auf die Frage, ob das Festhalten an Guttenberg mit dem Wertekodex der Union vereinbar sei mit “Natürlich stehen wir für bestimmte Werte, haben bestimmte Moralvorstellungen. Aber die Union steht auch für gelebte Wirklichkeit [...]“
Für mich, der ich gerne hinter die Mechanismen von Rhetorik und der ihr verwandten Demagogie blicke ist dies ein Lehrstück. Die Menschen werden manipuliert, der Trick ist vergleichsweise simpel und er scheint bisher aufzugehen. Schade, wir hätten aufmerksamere Wähler verdient.
So leben wir halt mit dem guten, dem Benegutti und haben den Malegutti aus unsrem Blickfeld verbannt.



“daß ihm auf fast 73% der Seiten seiner Dissertation zum Teil lange Passagen wortwörtlichen Textes aus den besagten Quellen eingeflossen sind” Um die Debatte mal etwas zu versachlichen, haben wir hier die Diskussionsgrundlagen übersichtlich zusammengetragen:
Grundlagen wissenschaftlichen Zitierens
Ich hätte es bevorzugt, die Anzahl der tatsächlich übernommenen Zeilen zu nennen, leider ist diese Zahl aber nicht leicht zu finden.