Die erste Website, auf der ich ernsthaft mit Fotografie in Kontakt gekommen bin war Phillip Greenspuns photo.net, vermutlich eine der ältesten Seiten dieser Art und bis heute ein Geheimtip für die, die dem Massengeschmack bei Flickr, Fotocommunity und, schlimmer noch, Facebook entgehen wollen.
Damals, es war wohl so um 2000, spätestens 2001, war digitale Fotografie noch in ihren frühesten Kinderschuhen, ich besaß eine Fujifilm DX-10 mit gigantischen 1024×768 Pixeln und die wirklichen Fotografen arbeiteten natürlich noch analog, mit Film und Entwicklergepansche, was aber der Qualität der Fotos keinen Abbruch tat, denn die bestimmt der Fotograf, nicht das Werkzeug.
Ich bin damals auf photo.net auf einen Fotografen getroffen, dessen Bilder mich bewegten. Gerade seine Street Photography zeigte stets einen wachsamen Blick auf die Welt um ihn, brüchig und hintergründig.
“Expectation”, das Foto das ich hier ausgewählt habe, ist mir über all die Jahre im Gedächtnis geblieben. Es scheint so voller Geschichten, voller Emotionen und ist dennoch unergründlich. Wartet sie auf jemanden, der zurückkommen wird? Fürchtet sie sich vor dem, was sie sieht? Was ist die Welt innen, was außen? In welche der Welten gehört sie?
Der Name des Fotografen war zeitweilig in meinen Erinnerungen verschüttet, das Bild aber blieb, und als ich heute per Zufall wieder einmal daran dachte, fiel mir der dazugehörige Name wieder ein: Yuri Bonder. Ich suchte danach und fand sein Portfolio bei photo.net und darin viele alte Bekannte und einige Fotos, die ich noch nicht kannte. Ich fand aber noch mehr: ich fand Nachrufe, Beileidsbekundungen, den Ausdruck des Unfassbaren. Auf einer russischen Website fand ich schließlich, per Google translate, die Nachricht, daß Yuri am 1.5.2008, seinem 41. Geburtstag, verstorben ist.
Es bleiben Fotos, deren Zerbrechlichkeit nun teilweise noch verstörender auf mich wirkt.
Bye bye, Yuri.




