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101 Piraten

da haben sich doch glatt 101 Piraten zu ihrer Position zum Urheberrecht geäußert:
101 Piraten für ein neues Urheberrecht

Ich stelle erschreckt fest: was bisher nur Vermutung war ist Realität!

  1. Piraten denken bei „Urheberrecht“ tatsächlich überwiegend an den Musikmarkt
  2. Piraten fordern eine staatliche Regulierung dieses Marktes durch Einschränkung der Handelskette
  3. Piraten fordern (wenn auch vereinzelt) die zwangsweise Verfügbarkeit von Werken für Derivate

 

Rein rhetorisch folgen eine Vielzahl der Statements dem Format
„ich bin für ein Urheberrecht aber aus diesem und jenem Grund, der mir sehr wichtig ist, bin ich dann doch dafür, daß mein vorne stehendes ‚ich bin für‘ aufgeweicht werden sollte“.

In meinen Ohren klingen solche Sätze wenig ehrlich.

Ich bin mir nicht sicher, ob es einfach meine persönliche Bestätigungstendenz ist, die mir hier einen Streich spielt, aber mir scheint wirklich, daß die Position der Piraten zum Urheberrecht weiterhin nah an einem kommunistischen Enteignungsprogramm liegt und zudem durch eine sehr schmale Öffnung auf die Welt blickt. Ich wünschte mir, das Thema könnte so diskutiert werden, daß die Ablehnung der Geschäftspraktiken der Major Labels keine Hauptrolle in der Argumentation spielte. Das gleichsam wie ein Mantra ewig wiederholte Argument vom gescheiterten Geschäftsmodell der Majors, das eine Anpassung des UrhG nötig machen würde scheint mir unsinnig, denn es gibt keine gesetzlichen Vorgaben, die ein alternatives Modell unter cc-by-(nc)-sa in irgendeiner Weise benachteiligen würden. Nebenbei verdienen die Majors, trotz allen Jammerns, immer noch sehr gut.

Wenn ich mir etliche der 101 Thesen ansehe, dann kommt für mich dabei folgender Kern heraus:

Wir wollen Künstler unterstützen, aber wir wollen dies direkt tun, ohne den Umweg über ein Label oder eine Verwertungsgesellschaft.

Das ist sicher ein schönes Ziel und die Idee beinhaltet für viele Künstler tatsächlich eine Chance, aber eines wird dabei offenbar übersehen:

Nicht jeder Künstler ist auch gleichzeitig ein guter Verkäufer!

Tatsächlich dürfte häufiger das Gegenteil der Fall sein. Künstler sind in den seltensten Fällen gute Verkäufer. Die meisten sind froh, wenn andere ihnen die Diskussion über den (Verkaufs)Wert ihres Werkes abnehmen und dafür die Werbetrommel rühren. Will man diese Menschen in die Direktvermarktung zwingen? Ein seltsamer Gedanke!

Der andere zentrale Bestandteil, den ich immer wieder lese wird gerne mit dem Satz „wir stehen auf den Schultern von Giganten“ verbrämt.

Sicher ist: alle zivilisatorischen Errungenschaften bauen auf den Errungenschaften der vorangegangenen Generationen auf, es gibt wenige Leuchttürme, die für sich alleine so weit aus der Masse ragen, wie es vielleicht ein Einstein tat. Von gemeinsam genutzter Information profitieren wir alle. Dies gilt ganz besonders für technische Innovation, die in immer schnelleren Zyklen neue Generationen hervorbringt.

Die Forderung, die die Piraten daraus abzuleiten scheinen ist allerdings abstrus: Musik und andere Werke mögen für nicht-kommerzielle Mashups generell frei sein. Auch dieses Ansinnen riecht nach staatlichem Eingriff in die Eigentums- und Selbstbestimmungsrechte der Urheber. Wenn in Diskussionen dann darauf hingewiesen wird, daß es nach heutigem Recht ja lediglich der Nachfrage bei dem Schöpfer bedarf, der dann ggf. der Verwendung zustimmen kann, kommen meist Argumente, die darauf schließen lassen, daß es sich hierbei möglicherweise um den Wunsch handelt, „orphaned works“ nutzbar zu machen, als0 verwaiste Werke, deren Urheber nicht (mehr) mit vernünftigem Aufwand auszumachen ist. Dem spricht, in Grenzen, nichts entgegen, einer allgemeinen Enteignung der Schöpfer allerdings kann ich nicht zustimmen.

Die, durchaus sinnvolle, Diskussion über (Software) Patente fand in diesem Zusammenhang leider nicht statt.

Ich habe die Diskussion mit den Piraten gesucht, da ich ihnen durchaus zugetan bin. Ich stamme aus der gleichen geistigen Generation (auch wenn ich vermutlich 10-20 Jahre älter bin als die meisten), ich lebe und arbeite im Open Source Umfeld und will dies auch nicht mehr missen. Seit den Anfängen habe ich mich für ein freies Internet ohne Sperren, Filter, Überwachung und Zensur eingesetzt, weil ich der Meinung bin, daß dies ein großartiger Weg in eine neue Gesellschaft sein kann.

Das Ergebnis der Diskussion ist leider, aus meiner Sicht, daß die Piraten noch weit von einer sinnvollen Position selbst in diesem Kernthema entfernt sind. Die eingeschränkte Sicht, die offenbar stark von der Ablehnung der Major Labels und deren Abmahngeschäft getrieben ist, die Forderung nach einem geschwächten Urheberrecht (obwohl ja immer von „gestärkt“ die Rede ist) und die Form der Diskussion lässt das Gefühl einer gewissen Realitätsferne aufkommen.

Schade drum.

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